Mit „Heiligung – Zwischen Kampf, Krampf, Anspruch und Wirklichkeit“ liegt die zweite Ausgabe von Timotheus für dieses Jahr auf meinem Schreibtisch. Nachdem man sich im Januar einem wichtigen und zugleich vernachlässigten Thema gewidmet hat, soll es dieses Mal also um die Heiligung gehen. Ich bin gespannt.

Das Layout

Zum zweiten Mal erscheint Timotheus im neuen Gewand. Nachdem die letzte Ausgabe „Der Zorn Gottes“ bereits von einem illustrierten Cover geziert wurde, findet sich hier erneut ein extra erstelltes Design. Wir sehen einen betenden Paulus, gestaltet von Anita Muntean4995_0

Großartig gefallen mir die Fotos zu den einzelnen Artikeln. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie haben die Bilder sofort etwas in mir angesprochen. Ich hatte gleich das Gefühl, dass die Artikel was für mich sind. Vielleicht wurde aber auch einfach nur mein Hipster-Wollmützen-Sinn getriggert (was ja nichts schlimmes ist…).

Insgesamt wirken sowohl Layout als auch Typografie durchdacht und auf hohem Niveau. Natürlich war Timotheus von Anfang an immer auf ein gutes Design bedacht. Dennoch wirken die letzten beiden Ausgaben „runder“. Heft 15 ist also – wie nicht anders zu erwarten war – ein Augenschmaus.

 

Das Thema

Mit Heiligung hat sich das Timotheus-Team einem Thema zugewandt, das sozusagen der zweite Schritt des christlichen Lebens ist.

Wayne Grudem definiert Heiligung in seiner Dogmatik (S. 827) so:

„Die Heiligung ist ein fortschreitendes Werk Gottes und des Menschen, das uns immer mehr von der Sünde befreit und uns Christus in unserem wirklichen Leben immer gleichförmiger macht.“

So gefasst zieht sich das Thema durch die Ausgabe: Die Autoren gehen stets von Gottes immer zuvor kommendem Wirken aus und betrachten sowohl seine als auch unsere Rolle im Prozess der Heiligung. Dabei verschleiert keiner der Artikel das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen: Als Christen stehen wir der Heiligung stets in „Kampf, Krampf, Anspruch und Wirklichkeit“ gegenüber.

 

Die Artikel

Insgesamt sind in der Ausgabe acht Artikel zum Thema Heiligung zu finden. Wie in jeder Ausgabe betrachten die Autoren unterschiedliche Aspekte des Themas aus einer biblischen Sicht. So sind auch dieses Mal interessante und fundierte Artikel entstanden.

 

„Oh, mein unheiliges Herz!“ von Waldemar Dierksen

Im ersten Artikel des Magazins geht Waldemar Dierksen der Frage nach, wer eigentlich im Mittelpunkt des menschlichen Herzens steht und wer dort stehen sollte. Denn wenn das Herz der Ort von Leben, Tat und Wort eines jeden Menschen ist (6), ist eine besondere Vorsicht angebracht. Wir sollten, so der Autor, den Ort, aus dem unsere guten und bösen Gedanken und Taten entspringen nicht unbehütet lassen.

Anhand von alttestamentlicher Weisheit und Paulus zeigt Waldemar Dierksen die Vorzüge eines behüteten Herzens auf. Und auch wenn ich das Gefühl hatte, dass gerade die sich wiederholenden Warnungen im Vordergrund standen (und nicht die äußerst spannende Theologie hinter der Frage, wer Mittelpunkt des menschlichen Herzens ist), handelt es sich doch um einen gut zu lesenden Artikel. Auffällig ist außerdem eine Neuerung: Am Ende des Artikels findet sich eine Reihe kurzer Fragen, deren Studium das Gelesene noch vertiefen können.

 

„Wie heilig will ich sein?“ von Matthias Lohmann

Heiligung bedeutet, Jesus Christus ähnlicher zu werden. Aber wie sieht des mit der Motivation dazu aus? Bemühe ich mich tatsächlich um meine Heiligung oder hoffe ich darauf, dass Gott es schon irgendwie richten wird? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Artikels, der anhand von Kol 3,1-4 eine biblische Motivationshilfe geben will.

Sehr schön wird ein zentraler Punkt der Heiligung herausgestellt: Heiligung ist niemals die Grundlage unserer Annahme bei Gott, sondern immer eine Folge unserer Annahme allein aus Gnade (9). Lohnmann verdeutlicht dies anhand eines Aufrufs des Apostels Paulus: Die Christen in Kolossäe sollen ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an Christus ausrichten.

Zu Beginn steht die erfahrene Liebe: Christus ist für uns am Kreuz gestorben und wir dürfen mit ihm auferstehen. Dies schafft die Grundlage des Glaubens. Darauf folgt der Bezug zur Gegenwart: Christus ist im Hier und Jetzt bei uns und steht uns bei. Gerade hier zeigt sich, für wen wir leben. Schließlich kommt der zukünftige Aspekt in den Blick: Wird Christus sich zukünftig in seiner Herrlichkeit offenbaren, so werden auch die Christen mit ihm in seiner Herrlichkeit offenbar werden. Abschließend finden sich drei Hinweise zur praktischen Umsetzung der Motivationshilfe.

Der Artikel setzt einen wichtigen Impuls: Heiligung ist ein praktischer Prozess, kein bloßer Gedanke für die Studierstube. Indem Lohmann den Fokus klar auf Christi Person und Tat setzt, zeichnet er ein eindrückliches Bild der Heiligung: Die Motivation ist nicht in uns. Die Motivation ist Christus.

 

„Christus ist meine Heiligung“ von Thomas Reiner

Wie ist ein heiliges Leben vor Gott überhaupt möglich? Dieser Frage geht Reiner anhand eines biografischen Portraits von Hermann Friedrich Kohlbrügge nach. Mithilfe eindrücklicher Ereignisse aus dem Leben Kohlbrügges wird die Erkenntnis Kohlbrügges auch zweihundert Jahre nach dessen Wirken deutlich: Meine Heiligung geht nicht von mir aus, sondern von Jesus Christus. Denn der hat ein Leben geführt, das Gott gefällt. Auf ihn kann ich mich verlassen. Auf ihn muss ich mich verlassen.

An dem Artikel gefällt mir, dass er die Kraft des Evangeliums in direkten Bezug zur Heiligung setzt. Denn gerade das steht unserem ersten Impuls entgegen, das Evangelium nur auf die Rechtfertigung zu beziehen. Kohlbrügges Leben zeigt, dass es eben nicht bei der Rechtfertigung aufhört. Christi Wirken in meinem Leben ist jeden Tag von Neuem von Bedeutung. Ganz so, wie Kohlbrügge es in Röm 7,14 entdeckt hat: „Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.“

 

„Heiligung gleich Heiligung?“ von Jörg Wehrenberg

Anhand des ersten Korintherbriefs fragt Jörg Wehrenberg nach Grundlagen, Mittel und Ziel der Heiligung. Hierbei vermittelt er zwischen dem Zustand der Heiligung und dem Prozess der Heiligung (17).

„Das Ziel jeglicher Lebensveränderung ist die Verherrlichung Gottes, die Grundlage dafür ist die Botschaft vom Gekreuzigten und das Hauptmittel dazu ist die Weisheit Gottes.“ (17) So führt Wehrenberg seinen Hauptpunkt aus. Daran knüpft ein Aufruf für unsere Gemeinden an: Wir brauchen reife Christen, die Vorbilder sein können.

 

„Warum ist Heiligung so wichtig?“ von Jörn Krebs

Warum ist Heiligung eigentlich notwendig? Leben wir nicht aus der Gnade Gottes? Diesen Fragen geht Jörn Krebs nach. Er zeigt, dass Heiligung immer bei Gott beginnt, der als heiliger Gott ein heiliges Volk will. Daher bewirkt er die Heiligung im Menschen (21), und dieser antwortet mit seiner Hingabe an Gott. Aus dieser Hingabe erwachsen Taten.

Krebs zeigt die Notwendigkeit der Heiligung an zwei Reden Jesu auf, dem Gleichnis von den 10 Jungfrauen und der Rede vom Weinstock. So zeigt sich, dass der aktive Part der Heiligung (Gottes Werk) und der passive (unsere Antwort) zusammen gehören. Dass dies kein Rückfall in die Werkgerechtigkeit ist, führt er am Ende des Artikels aus. Vielmehr ist es ein „bleiben in Jesus“ (23).

Der Artikel gefällt mir sehr gut. Gerade die Auslegungen der Reden sind gut zu lesen und pointiert formuliert. Die Bemerkungen über das Verhältnis von Verlangen und Können geben dem Artikel den passenden Abschluss.

 

„Lektion in Heiligkeit“ von Andreas Münch

Andreas Mönch verfasst in der Rubrik „Schriftgelehrt“ einen eindrücklichen Artikel zu einer – wie er selbst sagt – nicht so einfachen Lektüre der Bibel: dem Buch Levitikus. Mit guten Vergleichen und Beispielen klärt er zwei Fragen: Wie ist Gemeinschaft mit einem heiligen Gott möglich? Wie sieht Gemeinschaft mit einem heiligen Gott aus?

Münch verbindet hierzu den Opferkult des Alten Testaments, wie das Volk Israel ihn ausführte, mit dem einen Opfer, das Jesus Christus am Kreuz erbracht hat. So kann er zeigen, was es Gott gekostet hat, eine Beziehung zu dem sündigen Menschen zu ermöglichen (26). In einem zweiten Schritt zeigt er auf, wie sich an den Gesetzen des Levitikus Prinzipien für den allgemeinen Willen Gottes ableiten lassen (27).

Der Artikel führt gut in die Grundlagen des alttestamentlichen Gesetzes im Spiegel des Christusereignisses ein. Mönch zeigt gut verständlich, wie die Opferanordnungen das Opfer Christi präfigurieren. Von daher finde ich es richtig, wenn er im Editorial (gerade für neue Christen) zur ersten Lektüre empfohlen wird.

 

„Wahre Reformation … beginnt mit dem Wort“ von Jochen Klautke

Ein wenig außen vor steht der Artikel aus der Rubrik Josia. Fortlaufend wird hier die Geschichte des Königs Josia erzählt, wobei der Fokus – der Titel verrät es bereits – immer auf einem Aspekt der Reformation liegt.

In diesem Teil – dem dritten der Reihe – geht es um die Schrift, die die Reformation antreibt (30). Ähnlich wie der josianischen Reform der Fund der Buchrolle vorausging, kann wahre Reformation auch heute nur aufgrund einer Besinnung auf die Schrift erfolgen. Denn nur so kann eine Ausrichtung auf den erfolgen, der die Reformation wirkt: Gott.

 

„John Owen und die Heiligung“ von Jonas Erne

Am Schluss der Ausgabe gibt es einen zweiten Artikel mit biografischer Note. War im ersten Kohlhammer im Blick, wendet sich Jonas Erne John Owen zu, einem der großen Puritaner des 17. Jahrhunderts.

Nach einer kurzen Biografie wendet sich Erne einem der Hauptwerke Owens zu: Of the Mortification of Sin in Believers. Der Text ist eine Auslegung von Röm 8,13:

Denn wenn ihr gemäß dem Fleisch lebt, so müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.

Zentrale Frage des Buches ist: Wie kann ich effektiv gegen die Sünde kämpfen? Die Antwort auf diese Frage kann – laut Owen – nur in der Heiligung liegen, die vom Heiligen Geist bewirkt wird (34).

Das Portrait ist gut geschrieben und glänzt vor allem durch die genaue Wiedergabe Owens. So eröffnet Jonas Erne uns einen Blick auf einen persönlichen Zugang zur Heiligung, der uns sonst – vielleicht aufgrund fehlender deutscher Übersetzung von Owens Werk – nicht erreicht hätte.

 

Fazit

Mit Ausgabe 15 ist dem Timotheus-Team eine runde und durchdachte Ausgabe gelungen. Auffallend – wie bei einigen der Ausgaben – ist das schwankende theologische Niveau der Texte. So würde ich beispielsweise „Oh, mein unheiliges Herz“ auch Christen ohne großes Vorwissen empfehlen, während „Heiligung gleich Heiligung?“ theologisch anspruchsvoller ist. Aber gerade das gehört für mich zum Charme von Timotheus. Es ist eine Zeitschrift für junge Christen. Und zwar für alle jungen Christen, egal wie weit sie in ihrer persönlichen Heiligung schon voran geschritten sind. Denn das Ziel werden wir alle gemeinsam erst erreichen, wenn wir gemeinsam den Herrn sehen.

Als zweiter Punkt fällt mir die Platzierung der Artikel auf. Gerade der erste Artikel, der ja eine eher praktische Ausrichtung hat, wäre vielleicht an einer späteren Stelle im Heft besser aufgehoben gewesen. So kann man ihn – so glaube ich – mit größerem Gewinn lesen, da bestimmte theologische Aspekte der Heiligung (wie z.B. der Vorrang der Erwählung Gottes und die Konzentration auf Christus) ein gutes Fundament geben können.

Insgesamt kann ich das Heft guten Gewissens empfehlen – egal ob neuer Christ oder Nachfolger auf dem Weg.

 

Wenn dich die Rezension angesprochen hat, kannst du hier ein Probeheft oder gleich an ganzes Abo bestellen.

 

Timotheus 15

 

2 Kommentare zu „Review: Timotheus #15 – Heiligung

  1. Tausend dank für diese tolle, konstruktive und ausführliche Rezension zur neuen Ausgabe. Das wissen wir wirklich sehr zu schätzen. Die Kritikpunkte sind allesamt einleuchtend und berechtigt. Hier schreibt jemand mit Herzblut und der nötigen Liebe zum Detail. Es zeigt uns, dass es da draussen Leute gibt die unsere „Absichten“ richtig einordnen. Wie wäre es mal mit einem Artikel für uns? 🙂

  2. Ich bin etwas irritiert: „Denn wenn ihr gemäß dem Fleisch lebt, so müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.“ Geht es hier um Körperlichkeit? Oder denke ich nur zu einfach und „dreckig“? Ist die Aussage nicht zu konservativ? Eher von Katholiken zu verteidigen, aber nicht von Lutheranern, oder?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s