Jesus aber stieß einen lauten Schrei aus; dann starb er.

(Mk 15,37)

An den Ostertagen gedenken wir des Sterbens Jesu Christi und feiern seine Auferstehung.

Die Evangelien beschreiben uns die Ereignisse der letzten Tage im Leben Jesu in reichen Details. Im Vergleich zu den übrigen Erzählungen aus dem Leben Jesu nimmt die Beschreibung der letzten Tage deutlich am meisten Raum ein. Was auch durchaus logisch ist, bedenkt man, dass Sterben und Auferstehung das Zentrum unseres Glaubens sind.

Ein Detail der Erzählung stellt mich immer wieder vor Fragen. Jesu letzte Worte am Kreuz sind das Flehen eines von Gott Verlassenen. Der einsame Schrei.

Um zwölf Uhr mittags brach über das ganze Land eine Finsternis herein, die bis drei Uhr nachmittags dauerte. Um drei Uhr schrie Jesus laut: »Eloi, Eloi, lema sabachtani?« (Das bedeutet: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«)

(Mk 15,33-34)

Jesus schreit nach Gott. In tiefster Gottverlassenheit hängt er am Kreuz und fleht zu einem Gott, den er nicht mehr spürt.

Welche Gründe gibt es für das Schweigen Gottes am Kreuz? Theologen machen sich seit Jahrhunderten Gedanken über diesen einen Moment der Passionsgeschichte. Die einen meinen, dass Gott da ist, er aber Jesus nicht mehr hört. Oft wird dies im Zusammenhang mit der Sünde gesehen, die Jesus für uns am Kreuz auf sich nimmt. Gott wendet sich mit seinem ganzen Wesen von dieser Sünde ab, weil sie mit seiner Heiligkeit unvereinbar ist. Ebenso wendet er sich in diesem Moment von Jesus ab, der die Sünde der Welt trägt.

Eine zweite Möglichkeit ist, dass Gott zwar spricht, Jesus ihn aber nicht mehr hört. Wieder ist es die Sünde, die die Kommunikation stört. Versteht man Sünde als Verlust der Beziehung zu Gott, wird verständlich, dass Jesus Gott am Kreuz nicht mehr hören kann.

Ich glaube, dass viele Menschen im Alltag eine ähnliche Erfahrung machen, wie Jesus sie am Kreuz gemacht hat. Sie fragen sich, wo Gott in ihrem Schmerz ist. Wo er in ihren Fragen ist. Warum er nicht antwortet.

Was tun, wenn Gott schweigt?

Es gibt Tage, an denen ich Gott nicht höre. An denen ich mich alleine fühle und mich frage, wo Gott ist. Tage, an denen ich mich frage, warum Gott nichts tut. Erst später habe ich immer gemerkt, dass Gott an diesen Tagen nicht geschwiegen hat. Er hat mich in diesen Momenten nicht alleine gelassen, sondern in mir und an mir gearbeitet. Ich habe es zu diesem Zeitpunkt nur nicht realisiert.

Denn ich glaube, dass in dem Schweigen, das Jesus erfahren hat und das auch wir an manchen Tagen erfahren, eine Kraft liegt.

Was wir lernen müssen, ist, dass Gott seinen Zeitplan hat. Er überblickt unser Leben, kennt unser Herz und unsere Wünsche. Er weiß schließlich auch, was zu welcher Zeit am besten für uns ist. Die Tatsache, dass Gott an manchen Tagen scheinbar nicht antwortet, bedeutet nicht, dass er nicht da ist. Es bedeutet lediglich, dass er an diesen Tagen auf andere Art bei uns ist. Dass seine Stille Prozesse und Gedanken in uns anstößt, die uns weiter auf dem Weg zu ihm bringen.

Jesus  hat Gott blind vertraut. Sonst wäre er nicht ans Kreuz gegangen. Auch wir können Gott vertrauen. Das wurde vor 2000 Jahren auf Golgatha für uns erkauft.

Gott ist und bleibt derselbe. Gestern, heute und morgen.
SDG

7 Kommentare zu „Der schweigende Gott

  1. Tolles Thema das mich oft beschäftigt hat. Doch heute sehe ich es ähnlich wie in deinen letzten Abschnitten beschrieben und das hilft in „schwierigen“ Zeiten.

  2. Ja, es ist ein ermutigender Artikel und hat mir gefallen. Ich glaube aber, wir sind dieses Problem – Gottes Stimme nicht zu hören – viel mehr gewöhnt als Jesus es war. Als Jesus am Kreuz hing, wurde er uns ähnlich und erlebte die Gemeinschaft mit dem Vater nicht mehr so wie sonst. Gut, dass Jesus auf vielfältige Weise gelernt hat, unsere menschlichen Probleme zu verstehen.

    Ein weiterer Gedanke. Jesus hat Gott vertraut und gehorcht. Wenn wir den Bericht über Jesu Gebet im Garten Gethsemane lesen, dann hat Jesus gewusst, was ihm bevorstand. Dennoch konnte er sich durchringen, den Kelch zu nehmen und zu sagen: Dein Wille geschehe.

    1. Vielen Dank für die Gedanken. Gerade der Einwand, dass Jesus uns nun noch besser versteht, gefällt mir. Lässt mich an Hebr 4,15 denken:

      Dieser Hohepriester versteht unsere Schwächen, weil ihm die gleichen Versuchungen begegnet sind, wie uns – aber er blieb ohne Sünde.

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