Heute treffen in der Kirche zwei Formen aufeinander. Auf der einen Seite sind die Gemeindechristen. Sie wollen Gemeindeleben, Seelsorge erfahren, Gottesdienste feiern, Gemeinde aufbauen, Menschen einladen und ihnen Jesus nahe bringen. Auf der anderen Seite sind die Dienstleistungen. Immer mehr Menschen sind einfach so Mitglied einer Gemeinde, weil es irgendwann einmal nützlich sein könnte. Ich bin Mitglied in mehreren Vereinen und Clubs, warum nicht auch in der Kirche? Kirchenmitgliedschaft – gerade in der Landeskirche – kann dann schnell zu einer Art Versicherung werden. Wer weiß, wann ich die Kirche einmal brauchen werde. Oder wie ich es letztens so schön gehört habe: Männer sollten erst nach der Hochzeit austreten, am Ende will die Frau noch in Weiß heiraten.

Nur damit das deutlich ist: Ich habe nichts gegen Kirchenaustritt. Wer nicht glaubt und mit der Gemeinde nichts zu tun hat, soll gerne austreten. Offensichtlich haben wir diesen Menschen mit der Botschaft nicht erreicht. Vielleicht ergibt sich dazu später eine neue Chance.

Zurück zum Thema: Nun sind die beiden Gruppen nicht gleich groß. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Immerhin haben wir zu lange zu viele und wichtige Bewegungen verschlafen.

Gerade in den letzten Jahren haben wir da viel mitgespielt. Der biografisch-zentrierte Aspekt hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Immer mehr Menschen brauchen Kirche nur in einem bestimmten Punkt ihres Lebens, meistens bei der Geburt eines Kindes, der Konfirmation, einer Hochzeit oder einem Todesfall. Ich erinnere mich an Diskussionen im Predigerseminar.

  • Wir sollten froh sein, dass wir Menschen an diesen wichtigen biografischen Punkten begleiten können.
  • Wir haben hier als Kirche immer noch die Chance in bestimmte Situationen der Menschen zu sprechen.
  • Die Gesellschaft hat sich gewandelt, Menschen nehmen uns punktuell war. Wir müssen uns also mit ihnen verändern.

Und so weiter und sofort.
Am Ende ist das Augenwischerei. Die Menschen investieren sich nicht in die Kirche, sondern wollen von der Kirche eine Dienstleistung. Und das wäre ok, wenn die Kirche ein Dienstleister wäre. Ist sie aber nicht.

Die Kirche ist eine unsichtbare Realität, die sich in der sichtbaren Realität in einzelnen Gemeinden ausdrückt. Gemeinden sind die Orte, an denen sich die von Gott zusammengerufenen Menschen versammeln, ihn anbeten und gemeinsam die Höhen und Tiefen des Lebens bestehen.

Es zeigt sich immer deutlicher: In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben wir uns in eine Ecke drängen lassen und zugelassen, dass wir Dienstleister werden. Wir haben die Aufmerksamkeit und den Applaus, den Menschen uns für punktuelle Kontakte und Dienstleistungen geben, mit dem Dienst am Evangelium verwechselt. Ein nahes Schulterklopfen war wichtiger und angenehmer als die notwendige, aber oft schmerzhafte Rückkehr zum eigentlichen Kern des Gemeindeaufbaus.

Es ist klar, dass wir diesem Verständnis nicht mehr lange nachkommen können. An allen Ecken und Enden fehlen Pastoren oder gut ausgebildete Mitarbeiter, die Gemeinde aufbauen können – zumindest in dem Maße, wie es die aktuellen (größtenteils entfernten und nicht investierten) Mitglieder benötigen würden.

Gerade auf dem Land wird die Diskrepanz immer gravierender. Hier gibt es nur eine Kirchengemeinde und das meist gleich für mehrere Dörfer. Schwerpunkte oder Profilbildung sind hier kaum mehr möglich. Jeder Pastor tut alles und steht vor einem Berg an Dienstleistungen, die Kirchens sich vor Jahren ans Bein gebunden hat. Und mit jeder Pastorenstelle, die vakant wird, mit jeder Stellenkürzung und jeder Neuberechnung der Gemeindegröße wird es schlimmer. (Ich schreibe demnächst über unsere Unfähigkeit, Gemeinden sterben zu lassen.)

Ist das Schiff noch zu retten? Ja, aber nur mit einer starken Kursänderung. Gemeinden an der Basis müssen gestärkt werden, Theologie wieder höher gehalten werden und unsere Leiter wieder besser für die heutige Zeit und Kultur ausgebildet werden.

Denn sonst wird das aktuelle Modell von Kirche nicht mehr lange durchhalten. Die Pastoren werden weniger, die Gemeinden größer, die Ansprüche der Menschen haben immer weniger mit Gemeindeaufbau zu tun. Auf Dauer wird diesen Dienst niemand mehr machen wollen.
Wir sind zu Dienstleistern geworden, die ihre Dienstleistung nicht mehr erfüllen können.

 

 

3 Kommentare zu „Eine Dienstleisterin, die keine sein sollte

  1. Lieber Gunnar, bei dem Widerspruch der Kirche als Dienstleisterin bin ich ganz bei dir. Aber die Gegenüberstellung von „Gemeindechristen“ und Dienstleistungsempfängern finde ich hochproblematisch.

  2. Aber es kommt einem genauso vor.Ich sehe es in unserer Gemeinde. Weiß heiraten, taufen mit viel brimbramborium. Die Dienste der Pfarrerin werden oft in Anspruch genommen.Jedoch, zählen wir Sonntags diejenigen nicht im Gottesdienst. Oder, wenn die Gemeinde gemeinsam zugegen ist. Das ansonsten einfach wenig Interesse da ist. Ich persönlich finde es Schade.

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