Ein Vater, ein Sohn und eine kaputte Welt

Ein Rabbi sitzt an seinem Schreibtisch und bereitet den Synagogengottesdienst vor. Er ist umringt von Büchern und Kommentaren, da klopft es an der Tür.

„Herein.“

Einer seiner Söhne betritt das Büro. „Papa, ich möchte spielen.“

Aber der Rabbi hat keine Zeit. Er muss noch heute fertig werden. Trotzdem möchte er seinen Sohn nicht enttäuschen. Also nimmt er eine Zeitschrift und reißt eine Seite heraus. Die Seite zeigt eine Karte der Welt. Er zerreißt das Blatt in viele kleine Stücke und gibt sie seinem Sohn. „Guck mal, das ist ein Puzzle. Erst sind es bloß ganz viele einzelne Stücke. Aber wenn du sie wieder zusammensetzt, gibt es ein großes Bild. Und wenn das Bild wieder heil ist, dann gehen wir nach draußen und spielen.“

Der Sohn nimmt die Puzzleteile und verschwindet. Jetzt hat der Vater seine Ruhe. Denn sein Sohn ist noch ziemlich jung. Er weiß gar nicht, wie die Welt aussieht. Er weiß nicht, wo Amerika liegt, wo Australien ist. Genauso wenig kennt er die Berge oder weiß, wo welches Meer liegt. Der Vater hat nun also alle Zeit der Welt. Er nimmt seinen Stift und arbeitet weiter.

Fünf Minuten später klopft es wieder an der Tür.

„Herein.“

Wieder kommt sein Sohn in das Arbeitszimmer. Auf den Händen balanciert er eine Unterlage, auf der das fertige Puzzle liegt. „Hier, Papa. Fertig.“

Der Vater ist erstaunt. Jedes Puzzleteil liegt am richtigen Ort. „Wie hast du das gemacht?“

„Das war ganz einfach, Papa. Ich habe alle Teile umgedreht. Auf der Rückseite war das Gesicht eines Menschen zu sehen. Und wie ein Mensch aussieht, weiß ich. Da war ein Auge. Augen habe ich auch. Da war eine Nase. Eine Nase habe ich auch. Da war ein Mund. Einen Mund habe ich auch. Also habe ich das Gesicht wieder zusammengesetzt.

Und als der Mensch heil war, war auch die Welt wieder heil.“

 

A la carte (09.10.2014)

Hier sind einige Artikel der letzten Woche:

Das Zeitalter der Empathie: „In der Fachkompetenz-Ära hatten Unternehmen die Aufgabe, immer komplexere und hochwertigere Serviceleistungen bereitzustellen. Heute dagegen erwarten viele Menschen von einem Unternehmen, dass es ihnen ganzheitliche und sinnvolle Erfahrungen ermöglicht. Ich bin der Ansicht, dass das Management in eine neue Ära eingetreten ist: in das Zeitalter der Empathie.“ – Ein bedenkenswerter Artikel über den emphatischen Führungsstil.

Be yourself in prayer: Fünf Punkte zur Gebetspraxis.

Total close mit Gott: „Die Hillsong-Gemeinde in Konstanz steht für den Erfolg charismatischer Freikirchen. Ist der Glaube der evangelikalen Christen aber wirklich so frei und unverkrampft? Ein Erlebnisbericht.“ – Ein erstaunlich ausgewogener Artikel über einen Gottesdienst von Hillsong Konstanz.

Lesen verboten: „Die Bibel blieb im Mittelalter dem Klerus vorbehalten, Übersetzungen galten als Teufelszeug. Dennoch übertrugen schon vor Luther etliche Christen das Buch der Bücher in die Volkssprache.“ – Für alle, die ein wenig über die Geschichte der Bibelübersetzung lernen wollen.

[Wie immer: Die in den Artikeln vorkommenden Meinungen sind nicht zwingend meine eigenen.]

Spr2219